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Erziehungsdifferenzen – Berit Tolke – Liebe zum Wort

 

Wir waren uns doch früher immer einig

Am Thema Erziehung können Freundschaften zerbrechen. Wie schafft man es, dass es gar nicht erst so weit kommt?

„Ka­kao! Ka­kao! Ka­kao!“ Rhythmisch donnert Niklas mit dem Besteck auf dem Tisch herum und teilt in laut­ starker Endlosschleife das Frühstücksgetränk seiner Wahl mit. Ich schaue den Siebenjährigen an und warte auf das Anrollen des Verbaltsunamis, mit dem ich dieser Form von Zwergenterror üblicherweise begegne. Aber ich bleibe stumm. Denn Niklas ist nicht mein Kind, sondern das meiner Freundin Helen.

Es ist Sonntag. Freundetag. Wir sitzen beim gemeinsamen Frühstück. Meine Freundin Helen reagiert gelassen auf das Poltern ihres Sohnes. Sie entscheidet sich für den diplomatischen Weg der Konfliktlösung und erklärt Niklas in ruhigem Ton, dass für diese Art öffentlicher Meinungskundgebung eine schriftliche Anmeldung nötig sei. Da ihr diese nicht vorläge, solle er doch bitte seine unangemeldete Demo jetzt sofort abbrechen. Niklas grinst zahnlos und schüttelt seine blonden Locken. Aber er hat verstanden. Und ich spüre, wie sich mein Puls allmählich wieder beruhigt. Meine fünfjährige Tochter sieht uns über den Tisch hinweg mit großen Augen an – auf der Suche nach dem Donnerwetter, das sie sich an Niklas’ Stelle jetzt hätte von mir gefallen lassen müssen.

Mich nervt unnötiger Lärm, das weiß meine Tochter. Und auch, dass ich meinem Unmut darüber gelegentlich mit Gegenlärm Luft mache. Wir blödeln furchtbar gern, aber am Tisch herrscht bei uns Kasperverbot, weil das Essen sonst zur Nebensache und damit meist zum Kleckerdesaster wird. Meine Freundin Helen sieht das entspannter, vielleicht auch, weil sie im Hinblick auf das Temperament ihres Sohnes gar keine andere Wahl hat. Zurückdonnern bringt ihr wenig, deshalb pflegt sie in ihrer Erziehung eine ausgefeilte Diskussionskultur, die wiederum mich öfters innerlich zusammenzucken lässt: „Großhirn an Faust – Tischplatte vorerst nicht berühren – es wird noch verhandelt.“

Die Kakaodiskussion ist nicht die erste, bei der ich merke, dass sich etwas zwischen Helen und mich gedrängt hat. Ein ungemütliches Gefühl von Fremdheit – ausgelöst durch unsere Kinder. Wenn Niklas dauerhaft große Freude am Stänkern findet, und ich sehe, wie meine Tochter darunter leidet, dann will ich eingreifen. Ihm seine Grenzen aufzeigen. Aber darf ich das als Freundin seiner Mutter?

Helen und ich haben uns nie explizit über Erziehungsstile ausgetauscht. Wir kennen uns noch aus kinderlosen Tagen und hatten von Anfang an einen guten Draht zueinander. Unsere gemeinsamen Abende waren mir stets wichtige Ruheinseln im Alltagsbetrieb. Was auch immer wir diskutierten, wurde leidenschaftlich zerpflückt: der Job, die Männerwelt, das Leben, seine Kostbarkeiten und Untiefen. Und hinterher sah die Welt immer etwas friedlicher aus. Dem Leben mit Kindern sahen wir gelassen entgegen. Als es dann soweit war, zuerst bei ihr – zwei Jahre später bei mir -, versuchten wir, unsere Freundschaft auch abseits dieses neuen Themas lebendig zu halten. Wir gingen weiter in die Kneipe, ins Kino, ins Theater, lachten und nickten in den gleichen Momenten und spürten auch ohne Worte eine große Verbundenheit.

Erst als die Kinder größer und damit zunehmend Teil unserer Verabredungen wurden, begann ich zu ahnen, dass hier ein ganz neuer Prüfstein für unsere Freundschaft lag. Ein gemeinsamer Musikgeschmack bedeutet eben nicht automatisch, dass man auch in Erziehungsfragen einer Meinung ist. Leider.

Nach dem Frühstück sitzen wir vier gemeinsam auf dem Spielplatz. Helen hat ihrem Sohn gerade mehrmals verboten, auf einen Turm zu klettern. Jetzt winkt er triumphierend von der Turmspitze herab und zeigt ihr so sehr deutlich, was er von ihrem Verbot hält. Mein Blick wandert unruhig zwischen Mama und Sohn hin und her: Warum greift Helen nicht ein? Sie ist doch sonst so konsequent. Ich komme ins Grübeln: Wie sehr nervt Helen wohl das Gequengel meiner Tochter, die sich ständig schutzsuchend an mich klammert, sobald größere Kinder vorbeitoben?

Wenn ich mit Helen und den Kindern zusammen bin, habe ich häufig das Gefühl, zwischen zu vielen Stühlen zu sitzen: Als Mutter will ich nicht nur meiner Tochter den Halt geben, den sie braucht, sondern auch auf Niklas’ Provokationen so reagieren, wie ich es für richtig halte – mit einer klaren Ansage. Gleichzeitig soll Helen sehen, dass ich noch immer die lässige Freundin bin, die überflüssiges Gejammer einfach mit einem lockeren Spruch abbügelt. Aber wer hat in einem solchen Augenblick das Sagen: Freundin oder Mutter? Viel zu oft lasse ich keinen von beiden zu Wort kommen, sondern bleibe stattdessen stumm. Ich kneife. In jeder Hinsicht – und das ärgert mich. Es gab doch früher keine Tabu-Themen zwischen Helen und mir.

Vielleicht ist mein Schweigen ein Fehler. Vielleicht sollte ich mich einmischen, wenn Niklas mal wieder lautstark provoziert. Aber verträgt das unsere Freundschaft? Übertrete ich zu viele Grenzen, wenn ich Helen meine ehrliche Meinung sage, nämlich, dass ihr Sohn ihr etwas zu sehr auf der Nase rumtanzt? Und fast noch entscheidender: Könnte ich selbst damit umgehen, wenn Helen meine Tochter im Gegenzug offen für ihre Rockzipfelhängerei kritisieren würde? Vermutlich würde ich gleich in die Verteidigung gehen – mein Kind ist schließlich ein Teil von mir. Ich hätte nie gedacht, wie kompliziert es werden kann, wenn sich die eigene Persönlichkeit plötzlich auch im eigenen Kind wiederfindet – und damit doppelt so angreifbar wird.

Sobald die Kinder dabei sind, müssen Helen und ich zwei Rollen ausfüllen: Wir sind Freundinnen und wir sind Mütter. Es ist ein kniffliger Balanceakt, wenn wir zwischen Ermahnungen und Kneipentratsch hin- und herspringen, uns zwischendurch für unser zweites Ich entschuldigen oder uns darüber kaputtlachen – und am Ende trotzdem oft das Gefühl haben, weder uns noch den Kindern völlig gerecht geworden zu sein. Die eigentliche Frage ist jedoch: Müssen wir das überhaupt? Wer sagt denn, dass wir beide als Mütter genauso harmonieren müssen wie als Freundinnen?

Platz für die Mütter-Harmonie gibt es in meinem Umfeld schließlich auch – nur eben an anderer Stelle. Das ist der Unterschied zwischen Bekanntschaften von früher und den neueren aus der Zeit des Stillens, Krabbelns, Sandkastensitzens. Bei denen stehen die Kinder meist unangefochten im Mittelpunkt. Die Gespräche handeln von Wachstumsschüben, Zähnen und Einschlafritualen – und wenn der Rest auch noch passt, ist es schön. Wenn nicht, auch ok, dann geht man ab 18 Uhr eben wieder getrennte Wege. Die Kinder müssen ins Bett.

Das Glas Wein nach dem Kinofilm, das soll dagegen auch in Zukunft Helen gehören. Schleichend hat es sich eingebürgert, dass wir unsere gemeinsamen Unternehmungen immer öfter auf die kinderfreie Zeit legen. Große Worte haben wir darüber nicht verloren. Dafür umso mehr bei unseren abendlichen Gesprächen: Leidenschaftlich zerpflücken wir wieder den Job, die Männerwelt, das Leben an sich. Ein unkompliziertes Wie-früher-Gefühl macht sich breit – und tut gut. Wie damals, als uns Spielplätze und Kinderkrankheiten noch herzlich egal waren. Zumindest an unseren gemeinsamen Abenden darf das auch gerne so bleiben. Denn ihre konkrete Präsenz als Freundin ist mir in diesen Momenten wichtiger als jede abstrakte Idee von Erziehung. Und das hilft mir auch tagsüber gelassener zu bleiben, wenn Niklas mal wieder auf Provokation aus ist. Sein Glück: Ich mag seine Mutter.

Erschienen in der „Nido“, Ausgabe 04/2011.